11/06/2020
Digitale Pathologie auf dem Tablet
Handelsblatt Digital Health
Das Kölner Unternehmen will die Digitalisierung der Pathologie vorantreiben. Gerade in der Corona-Krise ist die Technologie besonders gefragt.
Für viele Ärzt:innen bleibt das Homeoffice in der Corona-Krise ein frommer Wunsch. Der Onkologe und Smart-In-Media-CEO Martin Weihrauch möchte das zumindest für Patholog:innen ändern. Seine Software PathoZoom soll es ermöglichen, pathologische Diagnostik ortsunabhängig und auf Geräten wie Smartphones, Tablets und Computern durchzuführen.
„Wir haben mit einer Plattform für die Lehre an Universitäten begonnen, und seit einem Jahr steht die Technologie auch Patholog:innen in Krankenhäusern zur Verfügung“, erklärt er gegenüber Handelsblatt Inside. Patholog:innen verbringen einen Großteil ihrer Arbeitszeit am Mikroskop. Sie diagnostizieren Krebs und andere Erkrankungen des Körpergewebes, indem sie Gewebeschnitte analysieren.
In der Regel werden die Objektträger zunächst mit einem Mikroskopscanner digitalisiert. „Dieser Scanner erfasst den Objektträger, nimmt Tausende von Bildern auf und setzt sie zu einem großen Gesamtbild zusammen.“ An diesem Punkt kommt die Technologie von Smart In Media ins Spiel. Sie ermöglicht es, die Bilder über eine Cloud auf andere Geräte zu übertragen sowie dort zu betrachten und zu bearbeiten.
Weihrauch demonstriert dies am Beispiel einer Eileiterschwangerschaft. Auf seinem Computerbildschirm zeigt er ein Gewebepräparat eines Eileiters; die Zellen erscheinen rot und weiß wie kleine Mosaiksteine. Gemeinsam bilden sie die Struktur des Eileiters, in dessen Innerem ein kleiner Bereich – der Embryo – zu erkennen ist.
Mit der Maus klickt er auf Zellen des Eileiters und zeichnet eine gelbe Linie. „Auf diese Weise können Informationen in Form von Notizen direkt im Objektträger hinterlassen und bestimmte sichtbare Strukturen beschrieben werden“, erklärt der Mediziner. Dadurch können Patholog:innen sich digital über ein bestimmtes Gewebepräparat austauschen und es gleichzeitig betrachten.
„Ärzt:innen können also von unterschiedlichen Standorten aus gemeinsam am Mikroskop arbeiten, Messungen durchführen und Zweitmeinungen einholen“, sagt Weihrauch. Dabei sieht der Pathologe lediglich Fallnummern und keine Patientendaten. Aus Sicht von Weihrauch ist es daher unproblematisch, wenn Ärzt:innen Fälle auf ihren eigenen Geräten bearbeiten.
Große Datenmengen in der Digitalen Pathologie
Eine Herausforderung sieht Weihrauch allerdings in den enormen Datenmengen. Ein einzelner digitalisierter Gewebeschnitt könne etwa ein Gigabyte Speicherplatz benötigen. Dies sei einer der Gründe, warum die Pathologie bislang weniger weit digitalisiert sei als die Radiologie.
„Radiolog:innen konnten durch die Digitalisierung Kosten einsparen“, sagt Weihrauch. „Patholog:innen hatten bislang dagegen eher zusätzliche Kosten.“ Eine Pathologie digitalisiere etwa 300 Objektträger pro Tag und benötige damit ungefähr viermal so viel Speicherplatz wie eine radiologische Praxis mit vier Ärzt:innen. Weihrauch geht jedoch davon aus, dass Speicherkapazitäten in den kommenden Jahren günstiger werden.
Da das PathoZoom-System nicht auf die langfristige Archivierung der Bilder ausgelegt ist, stellt Weihrauch gemeinsam mit seinem Team den Kund:innen zusätzlich einen Server für die Dateien zur Verfügung. In den meisten Fällen würden Patholog:innen die digitalen Objektträger ohnehin nach sechs bis acht Wochen löschen. Die physischen Gewebepräparate werden weiterhin in den Archiven der Krankenhäuser aufbewahrt. „Sie halten praktisch unbegrenzt und können deshalb jederzeit erneut eingescannt werden“, erklärt Weihrauch. Seine Software kostet rund 900 Euro pro Monat und kann ähnlich wie „Netflix“ im Abonnement gebucht werden.
Weihrauch gründete Smart In Media gemeinsam mit seinem Kollegen und Pathologen Alberto Pérez Bouza. PathoZoom entstand zunächst 2011 als Seminarplattform für Universitäten und Pharmaunternehmen. Später kam die Vermietung kostspieliger Mikroskopscanner hinzu, deren Preis bis zu 200.000 Euro betragen kann.
Heute beschäftigt das Unternehmen 20 Mitarbeitende und konnte aufgrund der Corona-Krise bereits 50 Prozent mehr Umsatz erzielen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen siebenstelligen Umsatz. Während der Krise suchen sowohl Patholog:innen als auch Universitäten verstärkt nach Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten. 40 medizinische Universitäten nutzen die Technologie von Smart In Media für die Digitale Pathologie, ebenso sieben Pharmaunternehmen, darunter Roche und Novartis.
Weihrauch beschränkt sich jedoch nicht auf Software, um die Digitalisierung der Pathologie voranzutreiben. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er derzeit an einem System auf Basis künstlicher Intelligenz, das Patholog:innen bei der Analyse von Krebszellen im Gewebe unterstützen und präzisere Krebstherapien ermöglichen soll.
Melanie Raidl
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